Hördiagnostik
Tonaudiometrie
Bei der Hörschwellenbestimmung werden mit einem Audiometer reine Töne von 250 Hz bis 8 kHz über einen Kopfhörer auf je ein Ohr gegeben (Luftleitungsmessung). In einem weiteren Untersuchungsgang wird die Hörschwelle mit einem Knochenleitungshörer, der auf den Knochen hinter dem Ohr (Mastoid) fest aufgesetzt wird, bestimmt. Wenn sich das Hörvermögen auf beiden Ohren stark unterscheidet, muss die Messung ggf. wiederholt werden, während das besser hörende Ohr mit einem Rauschen über den Kopfhörer „vertäubt“ wird. Bei der Luftleitungsmessung werden Hörstörungen erfasst, die sowohl im Mittelohrbereich (z.B. Paukenerguß) als auch im Innenohr (z.B. Altersschwerhörigkeit) ihre Ursache haben. Die Leistung der Hörzellen im Innenohr allein wird über die Knochenleitungsmessung bestimmt. Die Hörprüfung erfordert die sorgfältige Mitarbeit der Patienten. Sobald Sie das Gefühl haben, etwas zu hören, sollen Sie den Drücker betätigen und nicht solange warten, bis Sie ganz sicher sind. Das Ergebnis des Hörtests unterliegt gewissen Schwankungen (je nach Tagesform und Übung). Umgebungsgeräusche, die von außen in den schallarmen Untersuchungsraum dringen, beeinflussen das Ergebnis erfahrungsgemäß nicht wesentlich.

Tinnituscharakterisierung und Geräuschverdeckungsschwelle
Bei der Tinnituscharakterisierung bietet die Mitarbeiterin dem Patienten verschiedene Töne über den Kopfhörer an, bis der Patient eine Ähnlichkeit in Tonhöhe und Lautheit mit seinem Ohrgeräusch (Tinnitus) erkennt. Dies fällt einigen Patienten nach unserer Erfahrung sehr schwer. Mit der Geräuschverdeckungsschwelle wird ermittelt, ob lautes oder leises Rauschen das Ohrgeräusch verdeckt. Je nach Ergebnis kommt als Entstehungsort für das Ohrgeräusch eher das Innenohr oder das Gehirn in Frage.

Sprachaudiometrie
Die Überprüfung des Sprachverständnis erfolgt mit Hilfe der Sprachaudiometrie (Freiburger Sprachtest). Hier werden über den Kopfhörer seitengetrennt einsilbige Wörter und/oder Zahlwörter angeboten. So kann beurteilt werden, zu wie viel Prozent Umgangssprache (65 dB Lautstärke) verstanden wird. Die Beurteilung des Sprachverständnis ist besonders für eine mögliche Hörgeräteverordnung oder bei Begutachtungsfällen von Bedeutung. Sie hilft zudem bei der Einschätzung unklarer Hörschwellenbefunde. Ein Hörgerät kann empfohlen werden, wenn weniger als 80 % Sprachverständnis auf dem besser hörenden Ohr erreicht wird.

überschwellige audiometrische Testverfahren
Die überschwelligen Hörtests (z.B. SISI- und Lüschertest) werden bei der berufsgenossenschaftlichen Begutachtungen bei Verdacht auf Lärmschwerhörigkeit eingesetzt. Sie können ggf. den Verdacht auf eine Innenohrschwerhörigkeit erhärten oder Hinweise auf eine Schädigung des Hörnerven geben. Andere Untersuchungsverfahren wie BERA, OAE haben hier in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.

Tympanometrie und Stapediusreflexe
Bei der Tympanometrie wird mit einer Sonde im Gehörgang die Trommelfellbeweglichkeit bei Unter- und Überdruck gemessen. Wenn es z.B. Probleme mit der Belüftung des Mittelohrbereiches durch die Eustach’sche Röhre gibt und sich hier ein Unterdruck gebildet hat, so findet sich in der Tympanometrie auch eine eingeschränkte Trommelfellbeweglichkeit. Dies ist bei dem Mittelohr- bzw. Paukenerguß, der bei Kindern häufig ist, der Fall. Die kurze Messung ist auch bei Kindern gut durchführbar. Zum Auslösen des Stapediusreflexes werden über die Sonde nacheinander verschieden laute Töne in vier Tonhöhen auf ein Ohr gegeben. Ob und bei welcher Lautstärke der Schutzreflex ausgelöst wird, gibt ergänzende Hinweise auf die Art einer Hörstörung.

Otoakustische Emissionen (OAE)
Seit einigen Jahren ist es möglich, auch Signale zu messen, die die Hörzellen im Innenohr abgeben, besonders wenn sie durch bestimmte Töne gereizt werden. Hierzu wird eine Sonde in den Gehörgang gesteckt; auf dem Bildschirm lässt sich der Fortgang der kurzen Messung verfolgen. Diese Untersuchung gibt zusätzlich Informationen über das Hörvermögen und über die Hörzellen z.B. bei Hörsturz, bei beginnender Altersschwerhörigkeit, bei Ohrgeräuschen oder bei Belastung der Hörzellen durch eine Chemotherapie. Bei unserem Gerät ist zudem eine Aussage über Schädigungen von Hörzellen in bestimmten Tonhöhen (frequenzspezifische OAE) oder ab einem gewissen Grad der Hörstörung möglich (TE-OAE). Besonders gut lassen sich die Signale der Hörzellen bei kleinen Kindern messen. Besteht Unsicherheit darüber, ob ein Kind normal hört, so kann mit dieser Messung auch bei ganz kleinen Kindern (Neugeborenen-Screening - TEOAE) zügig eine schwerwiegende Schädigung des Hörorgans ausgeschlossen werden.

Hirnstammaudiometrie (BERA)
Bei der Hirnstammaudiometrie wird die Reaktion des weiterleitenden Hörnerven zum Gehirn und der Nervenzellen im Hirnstamm auf ein sich wiederholendes Geräusch gemessen, also auch die Verarbeitungsphase, die sich an die Wahrnehmung durch die Hörzellen anschließt. Der Patient legt sich ganz entspannt auf eine Liege und bekommt zunächst einige Ableitelektroden auf die Kopfhaut geklebt. Dann hört er über einen Kopfhörer zunächst lautere, dann leisere Geräusche (Klicks). Starke Anspannung oder Unruhe erschweren die Messung. Die Hirnstammaudiometrie wird durchgeführt, um eine Erkrankung des Hörnerven z. B. bei Hörsturz, Ohrgeräuschen, ggf. auch bei Schwindel auszuschließen. Diese Methode ist aber auch sehr hilfreich zur objektiven Bestimmung der Hörschwelle bei Kindern und bei Patienten, die bei der Tonaudiometrie nicht mitarbeiten können.

Kinderaudiometrie
Wenn Sie als Eltern unsicher sind, ob Ihr Kind richtig hört, sollten Sie dies unbedingt abklären lassen, da über das Hören in den ersten Lebensjahren die entscheidenden Grundlagen für den Spracherwerb gelegt werden. Sollte es hier Probleme geben, kann durch eine frühzeitige Behandlung eine schwere Störung der Sprachentwicklung vermieden werden.

Neugeborenen/Säuglingsaudiometrie
Im Raum Hannover hat man es sich zur Aufgabe gemacht, dass bei jedem Neugeborenen ein Hörtest zum Ausschluß einer schwerwiegenden Hörstörung in den ersten Lebenstagen durchgeführt wird (Neugeborenenscreening mittels Otoakustischen Emissionen - TEOAE). Ist diese Untersuchung bei Ihrem Kind auffällig gewesen, oder aus unterschiedlichen Gründen nicht erfolgt, können Sie eine Kontrolluntersuchung bei uns durchführen lassen. Eine ernsthafte angeborene Hörstörung ist selten (1: 1000 ). Bitte weisen Sie uns auf Besonderheiten in der Schwangerschaft (z. B. Röteln), Probleme bei der Geburt (Frühgeburt, Sauerstoffmangel) oder besondere Erkrankungen (z.B. Hirnhautentzündung) hin. Bei wiederholt unklaren Untersuchungsergebnissen wird zudem die Hirnstammaudiometrie (BERA) durchgeführt.

Kleinkindaudiometrie
Bei Kleinkindern ist das Hören häufig durch einen Mittelohrerguss behindert (Flüssigkeitsansammlung hinter dem Trommelfell, z.B. nach einem Infekt). Dies lässt sich in der Untersuchung des Ohres mit dem Mikroskop gut erkennen, ggf . wird eine Tympanometrie durchgeführt. Besteht trotz gesunder Trommelfelle der Verdacht auf eine Hörstörung, erfolgen die Messung der Otoakusischen Emissionen und ggf. die Hirnstammaudiometrie (s.o.). Je nach Alter und Entwicklung des Kindes können auch Hörtests erfolgen, die die Mitarbeit des Kindes erfordern (Pilotenhörtest, Kindersprachtest).

Audiometrie bei Schulkindern
Bei Schulkindern kann eine Hörstörung durch die Tonaudiometrie und Sprachaudiometrie (wie bei den Erwachsenen) ausgeschlossen werden, wenn die Kinder gut mitarbeiten. Bei unklaren Befunden wird auch die Messung der Otoakusischen Emissionen und ggf. die Hirnstammaudiometrie durchgeführt.

Hörtest bei Verdacht auf auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)
Zunehmend häufiger beobachten Eltern und Lehrer, dass Kinder leicht ablenkbar sind, häufig nachfragen und einen vorgelesenen Text nicht gut wiedergeben können. Sie haben Probleme, grammatikalisch richtige Sätze zu bilden und machen beim Diktat viele Fehler. Wenn die o.g. Hörtests unauffällig sind, besteht der Verdacht auf eine Störung der Verarbeitung der Höreindrücke (Sprache, Geräusche) im Gehirn, eine sog. „zentral auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)“. Zunächst ist die Beobachtung und Beschreibung der Probleme durch die Eltern sehr wichtig. Hierzu haben wir einen Fragebogen vorbereitet. Häufig bestehen – in unterschiedlichem Ausmaß- auch Probleme bei der Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom; ADHS) bzw. eine Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie). Durch spezielle Tests können wir versuchen, nähere Hinweise auf eine AVWS zu bekommen. Hierzu ist die geduldige Mitarbeit des Kindes erforderlich. Getestet wird z.B. die Fähigkeit, Tonhöhen zu unterscheiden, sich Zahlenkolonnen oder sinnlose Wörter zu merken, jeweils verschiedene Wörter zu erkennen, die über Kopfhörer gleichzeitig links und rechts (Dichotischer Hörtest) vorgespielt werden, und Wörter im Störgeräusch zu erkennen. Sollte sich der Verdacht auf eine AVWS bestätigen, sind weitere Untersuchungen in einer Spezialabteilung (Pädaudiologie/ Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)) erforderlich, die die weitere Therapie einleiten.